ökologischer Stadtumbau

Von der Siedlungsökologie zum ökologischen Stadtumbau

„Ekhart Hahn verdanken wir die theoretische Grundlegung der ‚Siedlungsökologie‘ und des ‚Ökologischen Stadtumbaus‘ und die Konzeption und Umsetzung richtungsweisender Modellprojekte.“
Prof. Dr. Dr.h.c. Udo E. Simonis

West-Berlin als Zukunftslabor

Knapp zehn Jahre nach der Einführung der Siedlungsökologie startete ihr operativer Zweig: der ökologische Stadtumbau in West-Berlin. Der politische Sonderstatus der Stadtenklave bot in den frühen 1980er Jahren ideale Bedingungen für unkonventionelle Zukunftsprojekte – an der Schnittstelle zwischen Ost und West, symbolisch aufgeladen und mit renommierten Forschungszentren ausgestattet. Im Rahmen einer Kooperationsstudie von der TU Berlin und dem Wissenschaftszentrums Berlin zur „Zukunft der Städte“ wurde die Schlüsselrolle der Städte und Stadtentwicklung für eine nachhaltige Zukunft wissenschaftlich fundiert und ein Vorschlag entwickelt, in West-Berlin ein europäisches Reallabor für einen solchen ÖKOLOGISCHEN STADTUMBAU zu etablieren. Berliner Politik und Verwaltung griffen den Gedanken auf und ermöglichten wenig später die „Pilot- und Anschubphase Ökologischer Stadtumbau Berlin“.

Von der Forschung zur Umsetzung

Von einer eigens für dieses Vorhaben gegründeten interdisziplinären Projektgesellschaft wurden von 1983 bis 1990 diverse siedlungsökologische Modellprojekte von der Gebäude- bis zur Quartiersebene mit dem Ziel konzipiert und durchgeführt, die ökologischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Dimensionen einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung in ein integriertes Gesamtkonzept zu überführen. Parallel dazu arbeitete und forschte am Wissenschaftszentrum Berlin ein internationales Kooperationsnetzwerk mit Partnern in der CSSR, Polen, später auch Russland, China und Japan. West-Berlin wurde so zum Kristallisationspunkt eines globalen Austauschs zum ökologischen Stadtumbau und der Zukunft der Städte.

Die zentrale Erkenntnis

Der Modellversuch zeigte, dass technische Lösungen und gesetzliche Vorschriften allein nicht ausreichen, um die großen ökologischen Herausforderungen zu bewältigen. Notwendig ist eine tiefgreifende Transformation der Stadtplanung, des Bauens und Wohnens. Aus dieser Einsicht entstand das Modell der Vier Eckpunkte – eine strategische Struktur, die die Komplexität der ökologischen Stadtentwicklung ordnet und in einen systematischen Handlungsrahmen stellt. Dieses Modell markiert den Übergang von reaktiver Umweltpolitik zur proaktiven Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft. Es verbindet wissenschaftliche Fundierung mit praktischer Umsetzbarkeit und bietet den Orientierungsrahmen für den ökologischen Stadtumbau – lokal und global.

Das Modell der vier Eckpunkte - integriert durch den Menschen

1. Visionen und Ziele als Erster Eckpunkt

Der erste Eckpunkt fordert klare, konsensfähige Visionen und Ziele. Diese müssen attraktiv, glaubwürdig und umsetzbar sein, um Menschen und Institutionen für den Wandel zu gewinnen. Zu den Visionen zählt die Renaissance des Lokalen sowie von Ästhetik und Schönheit, auch die Schaffung von geeigneten identitätsstiftenden und partizipativen Strukturen um die Realisierung der anerkannten und notwendigen Ziele einer enkeltauglichen Zukunft erfolgreich in Gang setzen zu können. Aktuelle internationale Orientierungen und Beispiele liefern die 17 SDGs der UNO, die Leipzig Charta und das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimagipfels. Diese sind entsprechend den lokalen Bedingungen und Bedürfnissen gemeinsam mit den Akteuren vor Ort zu konkretisieren. Der entscheidende Schritt besteht vor allem darin, auf dieser Grundlage in partizipativen Prozessen gemeinsam mit den Akteuren vor Ort eine Vision und Ziele zu entwickeln, die glaubwürdig, machbar und attraktiv auf die lokale Situation ausgerichtet ist.

2. Lösungen als Zweiter Eckpunkt

Der zweite Eckpunkt umfasst das Know-how zur Zielerreichung. Hierunter sind die sektoral organisierten Denk- und Wissensfelder zu verstehen, organisiert in den Säulen Technik, Soziales, Wirtschaft und Kultur mit ihren jeweiligen Bausteinen. Zu diesen zählen z.B. Energie, Mobilität, Bionik in der Techniksäule; Bildung in der sozialen Säule; geeignete Bausteine zur Umstellung auf postmoderne Kreislaufwirtschaft; bei Kultur und Ästhetik Bausteine, die ein ganzheitliches Denken, Fühlen und Wollen wieder in den Vordergrund rücken. Die große Aufgabe besteht darin, alle Handlungsfelder entsprechend dem fortschreitenden Erkenntnisstand an den international vereinbarten Zukunftszielen neu auszurichten und lösungsorientiert kontinuierlich weiterzuentwickeln.

2. Lösungen als Zweiter Eckpunkt

Der zweite Eckpunkt umfasst das Know-how zur Zielerreichung. Hierunter sind die sektoral organisierten Denk- und Wissensfelder zu verstehen, organisiert in den Säulen Technik, Soziales, Wirtschaft und Kultur mit ihren jeweiligen Bausteinen. Zu diesen zählen z.B. Energie, Mobilität, Bionik in der Techniksäule; Bildung in der sozialen Säule; geeignete Bausteine zur Umstellung auf postmoderne Kreislaufwirtschaft; bei Kultur und Ästhetik Bausteine, die ein ganzheitliches Denken, Fühlen und Wollen wieder in den Vordergrund rücken. Die große Aufgabe besteht darin, alle Handlungsfelder entsprechend dem fortschreitenden Erkenntnisstand an den international vereinbarten Zukunftszielen neu auszurichten und lösungsorientiert kontinuierlich weiterzuentwickeln.

3. Umsetzung im Quartier als Dritter Eckpunkt

Der dritte Eckpunkt betont die Bedeutung von Nachbarschaften und Quartieren. Als die unmittelbaren Lebensräume der Menschen spielen sie die Schlüsselrolle für die Umsetzung der Ziele und Lösungen. Hier werden die verschiedenen transformativen Einzelmaßnahmen aus dem Baukasten des Eckpunkt 2 in partizipativen Prozessen mit den Bewohnern und lokalen Akteuren entsprechend den im Eckpunkt 1 vereinbarten Zielen und Visionen aufeinander abgestimmt und schrittweise umgesetzt. Hierbei ist der integrierte Ansatz entscheidend, denn die bisher dominierenden zumeist isolierten und sektoralen Konzepte der Energie-, Mobilitäts- und Bauwende haben sich als nicht zielführend erwiesen.

4. Prozessinfrastruktur als Vierter Eckpunkt

Hier liegt der Schlüssel, ohne den die drei anderen Eckpunkte nicht zum Leben geweckt werden können. Den vierten Eckpunkt bildet eine organisatorische Struktur zur Aktivierung der drei anderen Eckpunkte. Die Prozessinfrastruktur wirkt als Antriebskraft, um die Transformation der Gesellschaft, des Bewusstseins und der Strukturen in Gang zu bringen. Ihr zentrales Element ist die als Herzmuskel konzipierte Ökostation oder Eco-Station, die im ökologischen Stadtumbau erstmals konkretisiert wurde. Hier wird das Wissen mit der Praxis verbunden – ausgerichtet auf die Menschen. Die Eco-Station ist die postmoderne Übersetzung der vormodernen geistigen Zentren oder Mittelpunkte. Sie wurde in der Eco-City-Strategie um den Eco-Link erweitert. Der Eco-Link fungiert als Arterie in dem Transformationsprozess, durch den die Impulse aus der Eco-Station in das Quartier oder die Siedlung transportiert werden. Ohne die Prozessinfrastruktur kann die Stadtentwicklung ihre Schlüsselrolle im postmodernen Wandel nicht erfüllen.

Mobilitätsstationen

Eco Station

Hier könnten wir die Eco Station beschreiben.

Eco Link

Hier könnten wir die Eco Station beschreiben.

Neustadt

Altstadt

Bahnhof

Freizeit-Quartier Scheibesee

Transformative Projekte, Initativen in Umland/Region

Industriepark Schwarze Pumpe

Der Mensch im Zentrum der Vier Eckpunkte

Der Mensch steht im Zentrum des gesamten Modells. Er verbindet alle anderen Eckpunkte miteinander. Ohne den Menschen als aktiven Gestalter seiner Umgebung bleiben die Ziele und Visionen lediglich Theorie. Nur die Verbindung zwischen den individuellen Bedürfnissen der Bewohner und den technischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Bausteinen ermöglicht die Umsetzung der weltweiten Nachhaltigkeitsziele. Der Mensch prägt die Siedlungen, die er bewohnt, und gestaltet die Prozesse, die diese Siedlungen zu lebendigen, nachhaltigen Einheiten machen. Erst wenn der Mensch als zentraler Akteur anerkannt wird, können wir das volle Potenzial der vier Eckpunkte entfalten und den ökologischen Stadtumbau erfolgreich gestalten.

Die Renaissance des Lokalen

Rückblickend markiert die Siedlungsökologie und die Berliner Pilotphase einen Wendepunkt im Denken über Stadt, Umwelt und Gesellschaft. Sie zeigt einen Weg, der angesichts der Klimakrise, Ressourcenknappheit und sozialer Spannungen aktueller denn je ist. Siedlungsökologie bietet nicht nur einen theoretischen Rahmen, sondern auch eine in der Berliner Anschub- und Pilotphase in internationaler Zusammenarbeit konkretisierte Handlungsstrategie.

Politische und strukturelle Widerstände ermöglichten in der konkreten Umsetzung des Konzeptes bisher nur Teilerfolge. So gelang es bisher noch in keinem Fall den vierten Eckpunkt, das entscheidende Herzstück des Konzeptes zu realisieren. Lebendig bleibt dagegen Grundidee – die Renaissance des Lokalen, die Integration von Wissen und Praxis, die Rückbesinnung auf kulturelle und ökologische Tragfähigkeit. Heutige Reallabore, kommunale Klimapläne und nachhaltige Stadtentwicklungsstrategien knüpfen oft an die damaligen Erkenntnisse an.

Der ökologische Stadtumbau in Berlin war ein visionärer Vorstoß in eine postfossile, postmoderne Epoche. Er verbindet wissenschaftliche Reflexion mit praktischer Umsetzbarkeit, internationale Zusammenarbeit mit lokalem Handeln. Die vier Eckpunkte bleiben als strategischer Kompass für die notwendige Transformation unserer Städte gültig. Mehr denn je braucht es heute das, was damals in Berlin begann: eine umfassende, mutige und menschenzentrierte Neuausrichtung unseres urbanen Lebensraumes.

Sie wollen mehr erfahren?

Dann werfen Sie einen Blick in unser Medienportal, wo Sie Infomaterial zum Download, Pressestimmen und mehr finden.